Selbstregulation trainieren (Teil 1): Was das Nervensystem mit wirksamen Leadership zu tun hat
Mentale Stärke beginnt im Nervensystem
Ein besseres Verständnis der eigenen inneren Prozesse stärkt unsere mentale Stärke und Handlungsfähigkeit.
Dieser Artikel zeigt auf, wie das im Businessalltag konkret gelingt.
Warum Selbstregulation heute mehr denn je zählt
Die Anforderungen an die Menschen in den Organisationen steigen und gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass mehr Methoden, mehr Tools und mehr Tempo allein keine nachhaltige Wirkung erzeugen. Wesentlich wichtiger wird die Fähigkeit, sich selbst bewusst zu regulieren.
Selbstregulation bedeutet, die eigenen Gedanken und Energien bewusst zu steuern, die Art des Denkens und Handelns flexibel anzupassen und Emotionen regulieren zu können. Sowohl in ruhigen Phasen als auch dann, wenn der Druck steigt. Diese Kompetenz lässt sich gezielt stärken.
In einer Arbeitswelt, in der Maschinen und Algorithmen viele Aufgaben übernehmen, wird die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten, Sinn zu stiften und in Unsicherheit Orientierung zu geben, zum menschlichen Alleinstellungsmerkmal. Genau hier setzt Selbstregulation an.
Doppelte Verantwortung: Leader und Leaderinnen tragen eine besondere Rolle
Digitaler Stress trifft alle. MitarbeiterInnen wie Führungskräfte erleben Informationsflut, ständige Erreichbarkeit und den Druck, immer schneller zu reagieren. Führungskräfte tragen jedoch eine doppelte Verantwortung. Sie regulieren sich selbst und schaffen gleichzeitig für ihr Team förderliche Rahmenbedingungen, Orientierung, Stabilität und Sicherheit. Wer als Führungskraft im Reaktionsmodus feststeckt, überträgt diesen Zustand auf sein Team. Stress ist ansteckend. Gelassenheit ebenso.
Die eigene Selbstregulation wirkt auch nach außen. Führungskräfte, die ihre Emotionen und Reaktionen bewusst steuern, schaffen ein Arbeitsklima, in dem auch die Teammitglieder besser mit Druck und den ständigen Veränderung umgehen können.
Was Selbstregulation wirklich bedeutet und was nicht
Selbstregulation bedeutet ausdrücklich nicht, Emotionen zu unterdrücken oder immer stark zu wirken. Selbstkontrolle kostet auf Dauer viel Energie, erzeugt inneren Druck und verhindert nachhaltige Lösungen. Gefühle verschwinden nicht, wenn sie ignoriert werden. Sie bleiben im Körper, mit körperlichen und seelischen Folgen.
Selbstregulation hingegen lädt dazu ein, Emotionen bewusst wahrzunehmen, zu verstehen, und reguliert zu reagieren. Hier ein paar Beispiele:
- Wer wahrnimmt, gereizt zu sein und trotzdem ruhig reagiert.
- Wer inneren Druck spürt und bewusst entscheidet, wie er/sie damit umgeht.
- Wer merkt, dass die Aufmerksamkeit abschweift und sie gezielt zurückholt.
Diese kleinen Momente der Selbststeuerung entfalten ihre Wirkung besonders dann, wenn wir sie bewusst anwenden und regelmäßig wiederholen.
Mentale Stärke beginnt im Nervensystem
Das Gehirn arbeitet mit zwei Systemen, die sich gegenseitig beeinflussen. Das heiße System reagiert schnell, emotional und automatisch. Es springt an, wenn Druck entsteht, eine Benachrichtigung aufleuchtet oder ein Konflikt spürbar wird. Das kühle System arbeitet langsam, willentlich und reflektiert. Es plant, wägt ab und behält langfristige Ziele im Blick.

Unter hohem Stress übernimmt das heiße System die Führung. Entscheidungen werden reaktiver, Kommunikation wird schärfer, Kreativität nimmt ab. Mentale Stärke beginnt deshalb damit, das Nervensystem bewusst zu regulieren, und zwar bevor kommuniziert oder entschieden wird.
Kleine Mikrointerventionen wirken hier besonders gut. Eine bewusste Pause vor einer Entscheidung, drei ruhige Atemzüge vor einem Gespräch, ein kurzes Innehalten zwischen zwei Terminen. Diese Momente aktivieren das parasympathische Nervensystem, das für Entspannung und Regeneration zuständig ist. So werden automatische Reizmuster unterbrochen und Raum für klare Gedanken geschaffen.
Zwei Techniken, die sofort wirken
Die 4-7-8-Atmung
Unser Körper hat das Werkzeug längst eingebaut: Den Atem. Diese einfache Übung reguliert das Nervensystem direkt.
- 4 Sekunden einatmen
- 7 Sekunden halten
- 8 Sekunden ausatmen
Drei Durchgänge reichen, um spürbar ruhiger zu werden. Ideal vor einem herausfordernden Gespräch oder nach einem intensiven Meeting.
Hinweis: Wem die 7 Sekunden halten oder die 8 Sekunden ausatmen zu lange oder unangenehm sind, kann auch auf jeweils 4 Sekunden Einatmen, Halten, Ausatmen wechseln.
Die Ampelmethode für den eigenen Zustand
Bevor eine Entscheidung getroffen oder ein wichtiges Gespräch geführt wird, lohnt ein kurzer innerer Check, wie der eigene Zustand gerade ist.
|
![]() |
Diese Selbstwahrnehmung kostet wenige Sekunden und verhindert impulsive Reaktionen.
Mehr zum Thema in unserem Buch Selbstregulation & Mentale Stärke.
Gute Selbstregulation wünscht Dir ganz herzlich Renate. 😊
Autorin: Renate Freisler


